{Tabuthema} Harn- und Stuhlinkontinenz nach einer Geburt – Interview

Vor Kurzem hab ich einen Text für meine Freundin Korrektur gelesen, die Physiotherapeutin ist. Ihr kennt sie vielleicht noch aus meinem Artikel zur Geburtsvorbereitung mit Physiotherapie, Rita Hochwimmer. In dem Text ging es um Harn- und Stuhlinkontinenz nach einer Geburt, und ich war ziemlich schockiert über einige Details. Da sich viele Probleme mit einem starken Beckenboden verhindern lassen, ist das durchaus ein Fitnessthema. Außerdem ein Tabuthema, über so etwas spricht man irgendwie nicht. Sollte man aber, sonst leiden viele still und heimlich vor sich hin, obwohl sie ihre Situation mit der richtigen Hilfe vielleicht ändern könnten. Ich habe also meine Freundin für euch zum Interview gebeten:

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Interview mit einer Physiotherapeutin zum Thema Stuhlinkontinenz nach der Geburt

Liebe Rita, ich habe erst durchs Korrekturlesen bei dir gelernt, dass man nach einer Geburt nicht nur Harn, sondern auch Stuhl verlieren kann. Wie häufig passiert so etwas und was sind die Ursachen?

Danke Ulli, für Deine Fragen. Wie häufig Frauen nach Entbindungen Stuhl verlieren ist nicht bekannt, weil die Dunkelziffer sehr hoch ist. Während es für Harninkontinenz mittlerweile Zahlen aus großen Studien gibt (es dürften 6 Monate nach vaginaler Geburt immer noch etwa ein drittel der Frauen Harn verlieren) gibt es zur Stuhlinkontinenz nur Schätzungen. Prof. Wunderlich, ein auf Operationen bei Stuhlinkontinenz spezialisierter Chirurg, schätzt, dass etwa jede 100. Frau nach vaginaler Geburt Stuhl verliert.

Zu den Ursachen von Stuhkinkontinenz: Es gibt zwei mögliche Ursachen dafür. Einerseits können Nerven verletzt sein, andererseits kann der Schließmuskel des Afters verletzt werden, wie dies etwa bei einem Dammriss höheren Grades passiert. Während die Nervenverletzung mit der Zeit ausheilt, bleibt die Verletzung des Schließmuskels bestehen. Das gemeine daran ist, dass der Schließmuskel sozusagen auch „heimlich“ verletzt werden kann, und das dann erst im Alter zu einer Stuhlinkontinenz führt, wo die meisten Frauen nicht mehr daran denken, dass es mit der Geburt zusammenhängen könnte. Falls Ihr also betroffene Mütter, oder Omis habt, bitte erklärt ihnen, was der Grund sein kann und ermutigt sie zum Arzt zu gehen!

An wen wendet sich eine Betroffene am besten zuerst?

Als Betroffene wendet man sich entweder an einen Facharzt für Gynäkologie, der einen zum spezialisierten Chirurgen schickt oder direkt an einen spezialisierten Chirurgen. Wer nicht gleich zum Arzt will, kann Beratungsstellen kontaktieren wie jene der MKÖ oder des FSW . Die Beratung ist anonym und kostenlos und wird von spezialisierten Kontinenz- und Stomaschwestern durchgeführt. Mir war wichtig, durch das Interview die Angst vor dem Arzt zu nehmen, darum habe ich Prof. Wunderlich ganz genau gefragt, wie und was genau untersucht wird vom Proktologen (auf Enddarm spezialisierter Facharzt, meist Chirurg) und wie die Untersuchung genau abläuft. Ich glaube, gerade bei einem so schwierigen Thema ist es wichtig die Angst zu nehmen. Sonst trauen Betroffene sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Du hast es vorher schon kurz erwähnt: man kann auch Jahre oder Jahrzehnte nach einer Geburt noch betroffen sein. Wieso ist das so, und kann man eventuell vorbeugen?

Das ist das Besondere an der Sache. Die meisten Frauen, welche eine Verletzung am Schließmuskel erleiden, (eine solche kann auch ohne Geburtsverletzungen sozusagen heimlich statt finden) werden nicht sofort inkontinent. Erst wenn der Beckenboden mit dem Alter schwächer wird, dann sind diese Frauen plötzlich stuhlinkontinent und wissen nicht warum. Erst dann wirkt sich die Verletzung des Schließmuskels aus. Vorbeugen kann man indem man Beckenbodentraining macht. Sozusagen lebenslang wie Zähne putzen…

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Beckenbodentraining ist also auch aus diesem Grund wichtig. Viele informieren sich darüber nur im Internet und lassen sich nicht von einem Experten beraten. Kann man dabei überhaupt etwas falsch machen?

Beim Beckenbodentraining kann man zwei Dinge falsch machen. Einerseits kann man den Fehler machen, zu pressen anstatt anzuspannen. Durch Pressen entsteht ja eine Dehnung auf den Muskel und diese wird dann als Anspannung fehlinterpretiert. Leider schädigt das Pressen den Beckenboden und kräftigt ihn nicht! Je schwächer der Beckenboden ist, umso schlechter wird auch die Wahrnehmung dafür. Wer sich also nicht sicher ist, ob richtig angespannt wird, bitte an eine spezialisierte Physiotherapeutin wenden! Diese kann mit Hilfe einer vaginalen Tastunterduchung, mittels Biofeedback oder Ultraschall klären, ob der Beckenboden beim Trainieren korrekt angespannt wird.

Der zweite Fehler, den man machen kann ist, den Beckenboden zu stark zu trainieren bzw. nicht auch die Entspannung mitzutrainieren. Wenn das passiert, kann man sich chronische Schmerzzustände, wie etwas Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, oder auch eine falsche Beckenbodenfunktion während des Harn- oder Stuhlgangs anlernen.

Was ist, wenn das Beckenbodentraining nicht hilft?

Dann muss genau untersucht und auch nochmal genau hinterfragt werden, ob wirklich richtig und genug trainiert wurde. Wenn alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind, muss eventuell eine Operation in Erwägung gezogen werden. Welche Möglichkeiten es da gibt und wann man eine Operation überhaupt in Betracht zieht, hat Prof. Wunderlich im 4.Teil des Interviews erklärt. Das ist nicht mein Metier, drum bitte besser gleich bei ihm nachlesen!

Danke liebe Rita, für das Interview!! Falls ihr noch Fragen habt, könnt ihr sie auch gerne noch direkt über ihre Webseite kontaktieren. Dort findet ihr auch das angesprochene Interview mit Herrn Prof. Wunderlich
(in 4 Teilen, nämlich hier: 1. Teil über Häufigkeit und Gründe,
2. Teil über Prognose und Hilfe,
3. Teil über die Untersuchung,
4. Teil über konservative Therapie und Operation)

Ja, und abschließend bleibt mir nur zu sagen: Beckenbodentraining ist wichtig!! Ich baue ja immer Übungen in meine Mamaness Workouts ein, schaut einmal rein.

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5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den Beitrag. Die vaginale Entbindung wird immer als das Beste beschrieben und Kaiserschnitt-Mamis haben damit zu kämpfen, dass es nicht dazu kam. Das ist aber nur die halbe Wahrheit …. Bei mir ging so viel kaputt – ich wünschte ich hätte einen Kaiserschnitt gehabt. Das ist mein ganz persönliches Fazit!

    • Ja ich muss ehrlich sagen ich bin mittlerweile manchmal echt froh über meine Kaiserschnitte – abgesehen davon, dass meine Kinder dadurch beide gesund sind, aber auch körperlich für mich… ist natürlich auch nicht schön, das Narbengewebe im Bauch, aber vaginal kann schon auch viel kaputt gehen, wie du sagst!

  2. Hallo, der Beckenboden muss sowieso nach einer Geburt trainiert werden. Egal ob vaginal Geburt oder Kaiserschnitt. Der Beckenboden wird durch di Schwangerschaft in Mitleidenschaft gezogen. Ich kenne leider einige, di Kaiserschnitt hatten und trotzdem Probleme mit Urinhalten und Schmiessmuskelprobleme hatten. Waren dann fleißig beim Training und dann wurde es besser. Dauerte aber 1 Jahr.

    • Hallo! Ja das ist auch so gemeint, ich hatte selbst zwei Kaiserschnitte und schreibe hier am Blog immer wie wichtig es ist, den Beckenboden zu trainieren. Die Wahrscheinlichkeit für eine Stuhlinkontinenz ist durch Dammriss bei einer natürlichen Geburt nur etwas höher, das ist der einzige Unterschied. Super, dass es bei deinen Bekannten durch das Training besser wurde!! Das es dauert ist klar, ist leider mit den meisten Dingen so die den Körper betreffen (auch Rektusdiastase zum Beispiel) lg Ulli

  3. Pingback: {mymonth} März 2017 - FIT & HAPPY